Wie das Märchenland entstand

Erste Schritte des DDR-Kinderfernsehens
Es war in den 50er Jahren. Der Fernsehapparat hatte bereits ein paar Jahre vorher Einzug in (damals noch sehr wenige) DDR-Wohnzimmer gehalten. Die Verantwortlichen des Deutschen Fernsehfunks räumten in ihrem Programm nachmittags natürlich auch zwei Stunden für die jüngsten Zuschauer ein. Es gab vorerst nur wenige Sendungen. Das erste Kinderprogramm überhaupt, welches im DFF schon 1952 lief, war die "Spielzeugkiste" und brachte mehrere Zeichentrickfilme (ist demnach nicht mit der späteren "Spielzeugkiste" des Abendgrußes zu verwechseln!). Die erste Sendung, in der ein Mensch auftrat, hieß "Bärbel erzählt"; hier trat Bärbel Ola-Möllendorf als Geschichtenerzählerin mit einem dicken Märchenbuch auf. Dann kam die Kaspertheaterreihe der Pirnaer Puppenbühne. Diese bot traditionelle Figuren wie den frechen Kasper und die fleißige Gretel, die alte Oma und das gefährliche Krokodil.

Flax und Krümel tauchen auf
Die wenigen Kindersendungen genügten dem DFF nicht. Die Heranwachsenden sollten pädagogisch zu guten Pionieren herangezogen werden. Was lag also näher, die Kasperfiguren mit zwei Pionieren zu ersetzen, Schülern, mit denen sich die Kinder identifizieren konnten? Am Pirnaer Puppenspiel waren Ingeburg und Heinz Fülfe beteiligt. Das Ehepaar wurde nun mit der Kreation neuer Figuren beauftragt. In Hans Münchebergs Buch über den DFF, "Blaues Wunder von Adlershof" (Verlag Das Neue Berlin) berichtet Siegfried Böhme, damaliger leitender Redakteur:
"Wir kannten die Pirnaer Puppenspieler [...] besonders Heinz Fülfe, der ein Mann mit Ideen war. Wir haben ihm den Auftrag gegeben, mit seinen Möglichkeiten [...] zwei kleine ‚Pioniere' zu entwickeln. Was dann daraus geworden ist [...], ist seine Idee."
Das entwickelte Projekt der Familie Fülfe war nichts anderes als die Sendung "Flax und Krümel"! Die Reihe startete im Januar 1955 und wurde zunächst jeden zweiten Sonntag für 15 Minuten ausgestrahlt. Bald gesellten sich zu den zwei Geschwistern der Hund Struppi, die Oma und der Schulfreund Max. Das Titellied der zwei wurde der Melodie von "Kommt ein Vogel geflogen" nachempfunden mit folgendem Text:

Flax und Krümel:
Flax und Krümel, die beiden,
erzähl'n euch genau,
was sie alles erlebten.
Stimmt es, Struppi?
Struppi: Wau, wau!


Heinz und Inge Fülfe bei der Vorbereitung einer Taddeus-Punkt-Aufzeichnung.

Schnippel-die-schnappel-die-Scher!
Das Kinderfernsehen wurde nach diesem Erfolg noch im selben Jahr ausgebaut. So entstand die Gesangssendung "Lasst uns fröhlich singen": Dirigent und Komponist Hans Naumilkat (schuf unter anderem das berühmte "Kam ein kleiner Teddybär"-Lied) leitete einen Kinderchor, und das Publikum war aufgefordert mitzusingen und alte und neue Lieder zu lernen.
Doch am wichtigsten für die Kleinsten sind Märchen. Das erkannte auch der DFF, und man grübelte nach einem geeigneten Format, diesen Wunsch zu erfüllen. Auch dazu Siegfried Böhme in "Blaues Wunder von Adlershof":
"Es entstand der Gedanke, irgendeine bekannte Märchenfigur zu nehmen und lebendig werden zu lassen. In der Diskussion kam einer auf [...] ‚Das tapfere Schneiderlein'. Das wäre so einer, der alles kann, der überall rumhüpft, der auch sympathisch ist. Hans-Günther Bohm, einer unserer eifrigsten Mitfechter damals, hat zu Hause geknobelt, und ich weiß, seine Frau [...] kam damals über Nacht auf den Einfall [...] Meister Nadelöhr. Wir fanden das originell, haben nach einem Darsteller gesucht und kamen auf [...] Ekke Friedrichson. Er war es von Anfang an. ‚Meister Nadelöhr' musste natürlich auch eine Elle haben. Und was kann man mit einer Elle im Studio machen? Man kann sie z. B. als Gitarre nehmen und ein Lied darauf spielen. Einem unserer Kollegen lief damals der Gitarrist Werner Pauli über den Weg [...]. Der schlug die ersten Töne an [...]" Und fertig ward die Märchensendung, die Klein und Groß erfreute und sich zur Kultsendung entwickelte: "Meister Nadelöhr erzählt Märchen" (bei Petzold "Unsere bunte Märchenstunde"), später umgetauft auf "Zu Besuch im Märchenland". In seine Schneiderstube zogen dann nach und nach weitere Figuren ein; bereits 1956 stellte sich Heino Winkler als Meister Briefmarke vor.
An anderer Stelle, nämlich im Buch "Patzer und Spratzer - DDR Fernsehleute erzählen", erklärt Böhme: "Wir haben ihn [Ekke Friedrichson] aus dem Schauspielerensemble des Deutschen Theaters vom legendären Intendanten Wolfgang Langhoff regelmäßig ausgeliehen, bis wir ihn ganz in unser Ensemble übernehmen konnten. [...] Und wenn er auch gelegentlich in Launen oder Undiszipliniertheit verfiel, so konnte man ihm nie richtig böse sein. Sein Handicap - er war schwer zuckerkrank und musste sich täglich mehrmals spritzen - hat er mit professioneller Einstellung nicht geltend gemacht."


Meister Nadelöhr mit seinen Kanarienvögeln Zwirnchen und Röllchen sowie Meister Briefmarke (rechts) und einem Jungpionier (evtl. Mäxchen Pfiffig von der Frösi?)

Anfangs gestaltete man die Märchenstunde mit Meister Nadelöhr, Meister Briefmarke und den zwei Kanarienvögeln Zwirnchen und Röllchen. Die Notwendigkeit, auch Handpuppen zu integrieren, erkannten die Redakteure erst nach einiger Zeit. Rosemarie Hottenrott, eine der Redakteurinnen des Kinderfernsehens, erinnert sich in der Sendung "Fernsehen von damals" (ORB, 1993), wie Bummi hinzukam:
"[...] das war der erste, den wir überhaupt auf den Sender gebracht haben. Meister Nadelöhr in seiner Schneiderstube saß und nähte, Meister Briefmarke - sein Partner - kam mit der Kinderpost und im Hintergrund saßen zwei Kanarienvögel. Und uns fehlte eigentlich im Studio der Vertreter, der Kinderfragen stellt an die beiden...die waren ja doch zwar Märchenfiguren, aber erwachsene. Und aus der Kinderpost merkten wir, dass sehr viele Kinder ständig guckten und uns auch sehr viel Post schickten mit Fragen. Und so sind wir eines Sonnabends losgegangen, Heinz Schröder, der Puppenspieler - einer der ersten Puppenspieler -, und ich, und haben uns einen Teddy gesucht - eigentlich das Lieblingsspielzeug aller Kinder. Und da haben wir uns diesen Burschen gesucht. Und als wir den fanden, hat Heinz Schröder den bespielbar gemacht: hat die Holzwolle rausgenommen, was in jedem Teddy damals noch war, und hat seiner Frau ein Staubtuch geklaut und hat das [der Figur unten] angenäht, dass man seinen Arm nicht sieht beim Spiel. Denn das hätte die Illusion genommen, dass es nun wirklich ein lebendiger Teddy ist. Und so ist dieser Bummi [entstanden]. Wurde auch Bummi genannt und war also lange Jahre die erste Lieblingsfigur, die beim Meister Nadelöhr als Vertreter der Kinder mitspielte. War ein artiger, kleiner Bursche und spielte dann im Abendgruß und hatte dann später noch Geschwister." Diese "Geschwister" waren niemand anderes als Schnatterinchen, die ziemlich zeitnah zu Bummi stieß, und Kobold Pittiplatsch, der 1962 dazu kam.

Der Märchenwald
Den Märchenwald gab es ebenfalls bereits in den 50er Jahren. Die Haupthelden waren Mauz und Hoppel, seit 1956/57 bekannt aus der Serie "Kater und Häschen". Das Konzept der Märchenwald-Geschichten ging anfangs auf den Puppenspieler und Szenenbildner Hans Schroeder und dessen Kollektiv zurück; er war es auch, der die Negativfiguren Fuchs und Elster erfand. Nach Differenzen mit der Redaktion verließ er mit seinem Team jedoch bald das Kinderfernsehen. Die Puppenspieler Heinz Schröder, Ingeburg und Heinz Fülfe und Friedgard Kurze nahmen sich der Märchenwaldfiguren an und der Erfolgsgeschichte stand nichts mehr im Wege: Bereits seit 1958 gab es den Märchenwald als eigenständige Reihe in den Abendgrüßen. In den 60ern hatten sich "Herr Fuchs und Frau Elster" schließlich als die wichtigsten Figuren des Märchenwaldes durchgesetzt.

Live is live
Wolfgang Richter erinnert sich in dem Buch "Patzer und Spratzer": "In den Anfangsjahren des Kinderfernsehens wurden alle Sendungen noch live ausgestrahlt. Das bedeutete, dass jeder Versprecher und jeder falsche Ton unkorrigierbar über den Sender ging. Das erforderte natürlich große Disziplin [...]" Doch weil auch mit Disziplin ab und zu etwas schief gehen kann, mussten die damaligen Schauspieler, Sprecher und Musiker stets darauf vorbereitet sein zu improvisieren. Wie minutiös genau geplant so eine Kindersendung war, kann man bei den Zeitungsartikeln im Beitrag der "Jugend und Technik" nachlesen.
Rosemarie Hottenrott erinnert sich in "Fernsehen von damals", wie kompliziert es für den Gitarristen gewesen sein musste, die Gitarrenklänge von Meister Nadelöhrs Zauberelle zu spielen: "[...]der [Gitarrist] saß hinter der Dekoration und hat zur gleicher Zeit, wenn Meister Nadelöhr die Elle nahm, angefangen das Lied zu spielen: Ich komme aus dem Märchenland, schnippel-di-schnappel-di-Scher'. Meist hat es geklappt. Wir haben einen sehr guten Gitarristen gehabt, und da haben wir dann auch Kinderlieder, die wir also in der Sendung hatten, durch Gitarre begleiten können. Und Meister Nadelöhr hat mit dieser Wunderelle sehr viel gespielt."

Eckhart Friedrichson in der Maske vor einer Aufzeichnung seiner 'Meister Nadelöhr'-Sendung (Foto aus einer Broschüre des DFF)

Besonders genau musste man bei den Estradenprogrammen sein. Estraden - das waren im Fernsehen der DDR unterhaltsame Nummernrevuen, die "mit Liedern, Tänzen, Spielszenen und artistischen Darbietungen" (Richter) aufwarteten. Besonderes Merkmal dabei war, dass Figuren aus unterschiedlichen Sendungen gemeinsam auftraten, obwohl ihre 'normalen fiktionalen Welten' sonst eher stark voneinander abwichen (z.B. standen Rolf und Reni gemeinsam mit Struppi und den Märchenwaldbewohnern anlässlich des Republikgeburtstages vor der Kamera). Im Kinderfernsehbereich gingen solche Estradenprogramme mit den Jahren zurück, genauso wie die Reiseberichte aus anderen Ländern. Beiträge von Meister Nadelöhr aus dem kapitalistischen Wien, das er anlässlich des Friedenstreffens der Jugend und Studenten einmal besuchte, waren 1959 noch möglich, später aus politischen Gründen nicht mehr denkbar...
Regelmäßig traten die Kinderfernsehstars auch in Revuen des Friedrichstadtpalastes Berlin auf. Bereits 1958 gab es eine Weihnachtsrevue mit Meister Nadelöhr und dem Kinderbalett. Auch Meister Briefmarke, Clown Ferdinand, Ellentie und Taddeus Punkt mit Struppi waren dort über die Jahre hinweg in verschiedenen Programmen live zu erleben.

        
Fotos von Live-Auftritten im Friedrichstadtpalast (aus W. Schumanns Buch Friedrichstadtpalast)


Erfolg bei Jung und Alt
In den Folgejahren kam es auch vor, dass die Figuren des Kinderfernsehens gelegentlich Sendungen für Erwachsene moderierten, denn beliebt waren die Figuren bei den Großen wie bei den Kleinen. So gestaltete Meister Nadelöhr einmal die Sonnabend-Nachmittag-Sendung "Rendezvous am Wochenende" (sie lief in den 60er Jahren). Fuchs und Elster moderierten zusammen mit ihren Puppenspielern eine Sendung lang die Gewinnschau "Tele-Lotto" und einmal sogar die Samstagabend-Sendung "Ein Kessel Buntes"!


Meister Nadelöhr besucht Flöha (Erinnerungsfoto)

Meister Nadelöhr bei einem seiner frühen Live-Auftritte vor Kindern und Erwachsenen (Erinnerungsfoto)

Die Fülfes treten live vor einer Grundschule auf (Erinnerungsfoto)

Quellen:
Böhme, Siegfried (Hrsg.): Patzer und Spratzer (Nora Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide, 2002)
Müncheberg, Hans u.a.: Blaues Wunder von Adlershof (Verlag Das Neue Berlin, 2000)
Petzold, Volker: Das Sandmännchen. Alles über unseren Fernsehstar (edel edition; edel entertainment GmbH, Hamburg, 2009), darin insbes. Kapitel 11
Selbmann, Erich: DFF Adlershof - Wege übers Fernsehland (Verlag Das Neue Berlin, 1998)
Schumann, Wolfgang: Friedrichstadtpalast - Europas größtes Revuetheater (Henschel Verlag, Berlin 1995)
Erlinger, Hans Dieter (Hrsg): Handbuch des Kinderfernsehens (Verlag Ölschläger, 1995), darin insbes.: Hans-Jürgen Stock: "Das Kinderprogramm des DDR-Fernsehens".
"Fernsehen von damals". Eine Sendung des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) 1993.